29.06.2026

Er fehlt. Und er bleibt. Zum zehnten Jahrestag des Todes von Prof. Manfred Hegger am 29. Juni 2016

Vor zehn Jahren – am 29. Juni 2016 – ist Professor Manfred Hegger im Alter von 70 Jahren verstorben. Architekt, Hochschullehrer, Forscher, Autor, Mitgründer der ee concept gmbh – und vor allem: Ein Mensch, der nie aufgehört hat zu fragen, wie wir besser bauen können.

Manfred Hegger war kein Nostalgiker. Wer ihn kannte, weiß: Er orientierte sich nicht an dem, was war, sondern an dem, was möglich ist. Diese Haltung prägte alles, was er anfasste, vom ökologischen Bauen in Kassel in den frühen 1980er-Jahren über die Passivhausära bis zu der Pionierleistung der Fortbildungsakademie Mont-Cenis – dem 1999 leistungsfähigsten Plusenergiegebäude der Welt. Er machte es sich nie „unter dem Grasdach gemütlich", wie es in unserer ursprünglichen Würdigung hieß. 

Was ihn von vielen anderen unterschied: Er sah Nach­haltigkeit nicht als Einschränkung der Architektur, sondern als deren eigentliche Wirkkraft. Im Vorwort des Energie Atlas (2007), dem Standardwerk, das er mit uns an der TU Darmstadt erarbeitete, formulierte er es so: „Die Instrumente des material- und energieeffizienten Bauens sind zugleich die Mittel der Architektur: Leichtigkeit und Masse, Schutz und Transparenz, Flächenökonomie und Raumwirkung." Dieser Satz ist kein Kompromiss – er ist ein Programm.

An der TU Darmstadt prägte er eine Generation von Architektinnen und Architekten, die Energie und Gestalt als Einheit begreifen. Sein Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen war ein Ort, an dem grundlegende Fragen des Bauens neu verhandelt wurden. Der doppelte Erfolg beim Solar Decathlon in Washington 2007 und 2009 hat das der Welt gezeigt. Hegger brachte Studierende und Mitarbeitende dazu, über sich hinauszuwachsen, weil er selbst nie aufgehört hatte, es zu tun. Noch in seiner Abschiedsvorlesung 2014 zeigte er einen Film, den er selbst eine „Zumutung" nannte. Für ihn war klar: Wer die Haltung hinter unserem Ressourcen-Umgang nicht erkennt, kann sie nicht verändern. Der Film ist bis heute abrufbar, dreieinhalb Minuten lang und sehr sehenswert.

In seinem Essay „Die Dinge richtig tun – über Effizienz und Nach­haltigkeit", trifft er eine Unterscheidung, die heute so gültig ist wie damals. Effektivität bedeutet, die richtigen Dinge zu tun. Effizienz bedeutet, die Dinge richtig zu tun. Nach­haltigkeit, so Hegger, verlangt beides – und scheitert nicht am Wissen, sondern am Willen: „Wir stehen eher vor einem Umsetzungs- oder Handlungsdefizit als vor einem Wissensdefizit." Dieser Befund aus dem Jahr 2007 ist 2026 erschreckend aktuell – und die Themen, die Hegger bewegten, sind seither nicht kleiner geworden:

Low-Tech, zirkuläres Bauen, Klimaresilienz, Biodiversität, Suffizienz, die Transformation des Bestands. Wir sind überzeugt: Manfred Hegger würde mitten in diesen Debatten stehen – nicht als Mahner, sondern als Macher. Er würde fragen, warum wir Materialien immer noch verbrennen oder vergraben, anstatt sie zurückzugewinnen. Er würde fragen, wie Ökobilanzen nicht Bürde, sondern Entwurfswerkzeug sein können. Er würde Suffizienz-Strategien nicht als Verzicht oder Einschränkung, sondern als gestalterische Aufgabe begreifen.

Wir vermissen ihn. Und wir versuchen, in seinem Geist weiterzuarbeiten.

Die Geschäftsleitung der ee concept gmbh, im Namen aller Kolleginnen und Kollegen.